Russland ist wesentlich mehr als nur Wodka und unendliche Weiten PDF Drucken E-Mail
Russland ist vor allem auch Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit.

Erlebnisbericht der Deutsch - Russische Jugendbegegnung in Pensa/Russland vom 15.04.2010 – 22.04.2010

Was erwartet einen in Russland? Diese Frage stellen sich viele Jugendliche unserer Zeit. Eine zwölfköpfige Gruppe des Landjugend-Bezirksverbandes Oberfranken nahm sich dieser Frage an und nahm an der deutsch – russischen Jugendbegegnung in Pensa teil.JB_Russland_April_2010

Mit dem Bus bewegten wir uns durch den Stau auf Moskaus Straßen zum Bahnhof. Von dort aus fuhren wir um 20:32 Uhr mit dem Nachtzug in die ca. 600 km südöstlich gelegene Stadt Pensa. Für viele von uns war bereits die Zugfahrt das erste Erlebnis...

 


Als wir nach knapp dreistündiger Flugzeit in Moskau angekommen waren, wurden wir von Elmira mit einem hochgehaltenen BJB-Schild empfangen. Sie war unsere Reisebegleiterin vom Flughafen Domodedovo nach Pensa. Mit dem Bus bewegten wir uns durch den Stau auf Moskaus Straßen zum Bahnhof. Von dort aus fuhren wir um 20:32 Uhr mit dem Nachtzug in die ca. 600 km südöstlich gelegene Stadt Pensa. Für viele von uns war bereits die Zugfahrt das erste Erlebnis. Die Schlafwägen waren in Kabinen mit je 4 Liegen aufgeteilt. So wurden wir nach einen kleinen Imbiss in den Schlaf „geschaukelt“ und kamen um 08:15 Uhr auf dem Bahnhof in Pensa an.

Auf dem Bahnhof in Pensa warteten schon zwei Kleinbusse und weitere Kolleginnen von Elmira, welche uns herzlich empfangen haben. In unserer Unterkunft wurden wir von Wladimir Uchobotov, dem russischen Organisator der Reise und Landjugendansprechpartner der russischen Landjugendregionalgruppe Pensa und unserer Dolmetscherin Tatjana ebenfalls sehr herzlich empfangen.

Wir verstauten unser Gebäck auf den Zimmern, machten uns kurz frisch und gingen zu Fuß in die Mensa zum Frühstücken. Das russische Frühstück besteht aus einer Vorspeise, Salat, Weißbrot mit Käse sowie einen warmen Hauptgang mit Wurst, Nudeln, Grieß usw.

Nach dem Frühstück trafen wir uns mit Wladimir in der Staatlichen Landwirtschaftlichen Akademie Pensa. Er berichtete uns über Pensa im Allgemeinen, vor allem aber auch über die Landwirtschaft in Pensa und Umgebung. Es handelt sich hier um eine sehr fruchtbare Schwarzerde-Gegend, der es aber immer mal wieder an Wasser mangelt.

Nach dem Mittagessen in der Mensa holte uns unser Busfahrer Ramon wieder ab und wir fuhren in die Stadtverwaltung zu einem Gespräch mit dem Leiter Jurij Golodjaew. Wir wurden dort über die Organisation der Kinderbetreuung und das Schulsystem in Russland informiert. Wir haben festgestellt, dass in Russland schon sehr viele finanzielle Mittel für die Kinder zur Verfügung gestellt werden. Herr Golodjaew sagte: „Man sei bestrebt sehr viel für die Kleinkinder zu tun um sich mögliche -wesentlich höhere- Folgekosten zu sparen“. Anschließend besichtigten wir die Ros-Bank in Pensa und wurden von Leiter Wladimir Gudaschew über das russische Bankensystem informiert. Überrascht waren wir von den sehr hohen Zinssätzen für landwirtschaftliche Darlehen von ca. 10 %. Viele Teilnehmer nutzen die Gelegenheit, um in der Bank Geld zutauschen. Nach dem Abendessen in der Mensa waren wir im Theater. Dort fand ein Wettbewerb verschiedener Schulen aus Pensa statt. Die ausgewählten Gruppen mussten ihr Können in Gesang, Sketch und Improvisation unter Beweis stellen. Wir konnten die Geschehnisse allerdings nur visuell bewerten, mit der Sprache gab es etwas Schwierigkeiten. Aufgefallen ist uns jedoch, dass der Kommentator die Delegation aus „Bavaria“ begrüßte. Daraufhin folgten sehr eindrucksvolle Reaktionen aus dem Publikum.

Am Samstag stand die Besichtigung eines landwirtschaftlichen Betriebs im Bezirk Belinskij südlich von Pensa auf dem Programm. Auf dem Weg dorthin, über kilometerlange schnurgerade Straßen, besichtigten wir auch das Gut, auf dem der russische Maler und Dichter Michail Jurjewitsch Lermontov aufgewachsen ist. Bei einer Führung wurden wir über das kurze Leben und die Werke von Lermantov informiert. Nach weiterer einstündiger Fahrzeit trafen wir nun auf dem Betrieb von Anatoli ein. Dort wurden wir in seiner Kantine bei überragender Gastfreundlichkeit zum Mittagessen und einer Wodkaverkostung eingeladen. Anschließend berichtete Anatoli über seinen Betrieb: „Er bewirtschaftet mit 140 Mitarbeiter im Sommer rund 10.000 ha Ackerland, spezialisiert auf Lein, Raps und Weizen. Viehhaltung gebe es keine“. Es war beeindruckend in welchen Dimensionen in Russland gedacht und gehandelt wird. Bei einem Rundgang über das Betriebsgelände wurde uns die Technik gezeigt. Auf die Frage welche Technik bevorzugt eingesetzt werde, sagte er, dass er durchaus westliche Technik einsetzt, aber die russische Landtechnik –insbesondere Erntemaschinen- bei einem geringeren Preis ebenso leistungsfähig sei. Nach einer zweistündigen Rückfahrt nach Pensa wartete das leckere Abendessen in der Mensa auf uns. Eine Gruppe Studenten begleitete uns am Abend noch bei einem Spaziergang durch das Fakultätsgelände und die angrenzende Siedlung.

Der Sonntag stand ganz im Zeichen der Stadt Pensa. Unsere Dolmetscherin Tatjana informierte uns bei der Stadtführung ausführlich über die Geschichte und Besonderheiten der Stadt, z.B. sahen wir das Denkmal des Mitbegründers der Stadt und auch das Karl-Marx-Denkmal, von dem man einen sehr schönen Überblick über die Stadt hat. Uns wurde erzählt, der Standort dieses Denkmals sei gleichzeitig der historische Mittelpunkt der ca. 550.000 Einwohner zählenden Stadt.

Der Tag in der Stadt wurde auch genutzt, um Souvenirs zu kaufen. So wurden schon mal Matrouschkas und Ansichtskarten gekauft. Außerdem waren wir natürlich auch auf dem Wochenmarkt. Es gibt dort nahezu alles was es in Deutschland auch gibt, nur unter etwas einfacheren Standards. Von Kleidung über Frischfleisch, Wurst und Gewürze in mehreren Kilo-Säcken.

Die freie Zeit vor dem Abendessen wurde von der Gruppe zur Vorbereitung auf das „Fußball-Länderspiel“ mit den russischen Jugendlichen genutzt. Das Spiel fand in der Sporthalle der Fakultät statt. Beim Abpfiff ging die deutsche Mannschaft trotz der Unterstützung russischer Fans leider als Verlierer vom Platz. Nach dem Duschen ließen wir den Abend in Disco Nr. 1 in Pensa ausklingen.

Am Montag waren wir zu einer Besichtigung der städtischen sozialen Verwaltung eingeladen. Dort wurden wir von Leiter Sergeiij Wolkow über die soziale Absicherung der Bürger in der Stadt Pensa informiert. Einige von uns kamen wohl etwas zum Nachdenken als wir erfahren hatten, dass das Existenzminimum umgerechnet ca. 120 Euro beträgt und ca. die Hälfte davon die Miete für die Wohnung beansprucht. Fast so viel haben wir für eine Woche umgetauscht. Das Mittagessen durften wir mit Valerij, dem Leiter des Brückenradios aus Pensa einnehmen. Er berichtete uns über seinen Radiosender und teilte uns unter anderen mit, dass sein Sender keine Nachrichten ausstrahlt. Nachrichten stehen in Zusammenhang mit Politik und das sei nicht seine Aufgabe.

Für den Nachmittag war das Schlagwort wieder „Landwirtschaft“. Wir besichtigten einen landwirtschaftlichen Betrieb mit Ackerbau und Viehhaltung. Die beiden Betriebsleiter führten uns durch die Rinder- und Schweinestallungen, erklärten uns die Betriebsabläufe sowie Ziele des Betriebs und standen für sämtliche Fragen der oberfränkischen Jungbauern zur Verfügung. Geprägt von den EU-Standards war man von den Bedingungen unter denen hier Milch und Fleisch produziert wird überrascht. Man erzählte uns, dass die Produktion ausschließlich biologisch sei und ein Großteil der auf dem Betrieb erzeugten Produkte im eigenen Laden in der nächsten Stadt und in den Lokalen/Gaststätten vermarktet werde.

Nach der Besichtigung wurden wir in ein Lokal des Betriebsleiters an der Hauptverbindungsstraße zwischen Pensa und Moskau zum Abendessen eingeladen. Auch beim Essen stand der Informationsaustausch über die Landwirtschaft in den beiden Ländern im Mittelpunkt.

Am Dienstag stand das Thema Bildung auf dem Programm. Vormittags trafen wir uns mit dem Rektor der Staatlichen Landwirtschaftlichen Akademie, Prof.Dr.Dr.h.c. Wladimir Korotnew. Er erklärte uns das Hochschulsystem in Russland. Bei seinem Bericht konnte man eine gewisse Analogie zum deutschen Hochschulsystem feststellen. Uns ist aufgefallen, dass es in der gesamten russischen Berufsbildung das „duale System“, wie in Deutschland üblich, nicht gibt. Nach seinem Bericht führten wir einen angenehmen Dialog, bei dem wir ihm unsere persönlichen Ausbildungsstände und Eindrücke von Russland schilderten.

In der Deutschstunde, an der wir teilnahmen, präsentierten uns die Studentinnen auf Deutsch ihre Akademie. Anschließend entwickelte sich der Unterricht zu einer Fragestunde. Die Flut der Fragen zeigte uns, dass die Russen neugierig sind und etwas über den Westen erfahren wollen. Zum Abschluss überreichten wir ein paar Gastgeschenke an die Deutschlehrer und Dolmetscher sowie an die Stundenten.

Am Abend stand schon der Abschiedsabend auf dem Programm. Dieser wurde von Wladimir organisiert und fand in der Bowlingbahn neben der Disco, in der wir bereits am Sonntag waren statt.

Am Mittwoch besichtigten wir das Arbeitsamt in Pensa. Der Leiter gab uns Informationen über den Aufbau und die Organisation seiner Behörde. Er gab auch einen groben Überblick über die Unterstützung, welcher ein Arbeiter im Falle der Arbeitslosigkeit bekommt und welche Programme zur Wiedereingliederung bestehen.

Nach dem Besuch im Arbeitsamt hatten wir nochmals freie Zeit, um in der Stadt etwas zu besichtigen und zu kaufen. Einigen hatte es der Wochenmarkt angetan, auf dem sie ihr Verhandlungsgeschick unter Beweis stellen wollten. Anschließend trafen wir uns im Stadtpark mit Wladimir, wo wir die Gruppe dann aufteilten. Vier Teilnehmern wurde es möglich gemacht, den Radiosender Brückenradio von Valerij zu besichtigen, der Rest der Gruppe machte sich auf den Weg zur Firma Biokor. Die Fa. Biokor stellt biologische Nahrungsergänzungsmittel her. Als Rohstoffe dienen ausschließlich die Erzeugnisse aus dem angegliederten landwirtschaftlichen Betrieb. Man konnte dort die Herstellung von Distelöl oder Baldriantabletten sehen.

Nach dieser Besichtigung wurden wir erneut von der Gasfreundlichkeit unserer russischen Freunde beeindruckt. Wir wurden zum Abschlussessen in ein sehr modernes und ansprechendes Lokal eingeladen. Bevor es zum Kofferpacken ins Sanatorium ging, haben wir uns mit einem Gastgeschenk bei Wladimir nochmals für die toll organisierte Woche bedankt.

Auf dem Bahnhof wartete dann auch eine ganze Gruppe Studenten welche sich persönlich von der Gruppe aus Deutschland verabschieden wollte. Um 20:40 Uhr startete nach den vielen Umarmungen und auch ein paar Tränen unsere Heimreise. Tatjana, unsere Dolmetscherin, begleitete uns mit dem Nachtzug nach Moskau.

Wir kamen am Donnerstag um 08:32 in Moskau an. Wladimir hatte bereits wieder einen Kleinbus organisiert, der auf uns wartete. Mit dem Bus machten wir dann eine Stadtrundfahrt zum Roten Platz. Bei einem Spaziergang sahen wir auch das Lenin-Mausoleum und die gigantische Kreml-Mauer. Natürlich mussten wir auch noch mal ins Hard Rock Café, um die letzten Rubel in ein Andenken an Moskau umzuwandeln, bevor es durch die überfüllten Straßen Moskaus wieder zum Flughafen Domodedovo ging.

Abschließend lässt sich sagen: Russland ist wesentlich mehr als nur Wodka und unendliche Weiten. Russland ist vor allem auch Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit. Russland ist eben nicht nur Moskau. Wenn man die Herzlichkeit von Russland erleben will muss man ins Landesinnere, z.B. mit der Bayerischen Jungbauernschaft e.V. nach Pensa.

Diese Reise ist jedem, der neugierig ist, nur zu empfehlen.

Andreas Vates

 

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